Unverständlich

Mo., 9. Mai 2016

Zu den Aphorismen von Yasmin Ritschl und Kilian Jörg

Gestern war mir so eigenartig zu Mute. Mir war als würden Aphorismen nach mir greifen, ohne mich zu begreifen, und mich dabei mit einem eigenartig undefinierten »wir« verschlingen.

Ich winde mich.
So ist das eben mit dem Stoffwechseln und Austauschen: Plötzlich ist da ein »wir« und behauptet Dinge, gibt Worte von sich, mit denen ich nicht sehr viel zu tun habe, die aber behaupten, sie sprächen von mir, als Teil von einem wie auch immer gearteten »wir«.

Im Sinne meiner Forschung »Verschreibungen« grüble ich, ob diese speziellen Aphorismen »Verschreibungen« sind – also absichtlich falsche, verzerrte, maskierte Darstellungen – und wem, beziehungsweise was sie sich da wohl verschrieben haben. Worum geht es?

Denn sie beurteilen das Labor von Martina Ruhsam (ohne über sich selbst etwas mitzuteilen) auf eigenwillige Weise und beziehen sich auf allerlei allgemeine (oder eigene) Annahmen, Interpretationen und Prämissen, die ich als »wir« nicht teile. (»Wir« ist diesbezüglich niemals genauer befragt worden, in Austausch getreten.) Ich möchte diese Beschreibung, selbst wenn sie so wunderbar mit Raunig, Barad und Deleuze geschmückt ist, nicht auf diese Weise stehen lassen.

Ich schreibe mit (wenig) Distanz und sage hier »ich« und nicht »wir«.
Denn hier ist, wie ich finde, Vorsicht geboten. Es ist nicht so klar, wer spricht in diesen Aphorismen. Wer spricht als, mit, über »wir«? Wird dieses »wir« der Aphorismen nicht genutzt, um sich zwischendurch doch schnell und unauffällig abzuspalten und so nebenbei ein allgemeines Urteil zu fällen oder kurz mal »über« etwas zu sprechen? Etwas herabblickend, wohl bemerkt, wie das Wort »über« ja schon andeutet. An wen wendet es sich, dieses »wir«? Zu wem spricht es?  Ist eine bestimmte Anerkennung des Mit-Seins, der Teilhabe, des Teil-Seins (darum auch der Gestaltungsmöglichkeit) nicht auch eine grundlegende ethische Haltung? Davon bin ich irgendwie ausgegangen. Aber das ist m e i n  Interesse,  m e i n e  Forschung – »Schriftlichkeit« wird übrigens wiederholt befragt, nicht »Sprachlichkeit«.

Nähe und Distanz, Kontakt und Abwesenheit beim Lesen und Schreiben. Choreographie: Tanz schreiben, Körper schreiben, Ecriture, Text und Texturen. Schreiben durch, Schreiben mit, Sprechen durch, Sprechen mit. Als wesentlich Politisches: Wie trete ich mit der Welt durch Worte in Kontakt? Was ist die Materialität der Schrift? Schrift als Spur. Mündliches im Gegensatz zu Schriftlichem. Wo ist welcher Körper in welcher Schrift? Im Schreiben, im Lesen, im Sprechen. Wo ist der die das Andere? Anwesend. Abwesend.

Was nicht bedeutet, dass ich Philosophie re-enacten möchte. Ich frage mich, wie diese Aphorismen zu dieser Annahme kommen? Die sie dann in freundlicher Weise zurecht rücken und fragen – (wen?) –: Geht es nicht nur um eine veränderte Betrachtungsweise? Es war niemals intendiert, Philosophie zu re-enacten. Das ist eine gründliche Fehlinterpretation, Fehl-behauptung. (Schon lange vor meinen ersten Begegnung mit der Freundschaft zwischen Kunst und Philosophie 2001 – bei der übrigens Gerald Raunig mit dabei war – war klar, dass das niemals der Sinn sein könnte.) Es war niemals intendiert. Auch nicht bei Stoffwechsel – Ökologien der Zusammenarbeit. Was für eine Überheblichkeit wäre das. Von der Philosophie. Von der Performance. (Nebenbei bemerkt.)

Zugegeben, die Aphorismen sind mir auf den Schlips (den ich nicht trage) getreten. Ich trage (nur als Hinweis) meist schwarz. Aber anstatt zu erkennen, dass ich hier eine poetische, anarchistische Solidarität mit Kafkas Gregor Samsa signalisiere, nennen mich diese Aphorismen  flott »Eso«. Was ich hiermit entschieden von mir weise. Einmal mehr muss ich feststellen, dass ich nicht auf der Welt bin, um verstanden zu werden. Ein bisschen mehr Lesegewandheit hätte ich mir allerdings gewünscht. – Sei's drum.

Ich bezweifle übrigens mittlerweile, dass diese Aphorismen und ich von der selben Person, dem selben Wesen, dem selben Ort und Geschehen sprechen bzw. schreiben. Wahrscheinlich kenne ich diese Aphorismen gar nicht. Und sie mich auch nicht. Auch wenn sie meinen Namen schreiben können – das bedeutet heutzutage nichts mehr. Sie haben meinen Namen benutzt, um etwas zu thematisieren, was sie thematisieren wollten. Sie hätten dafür jeden anderen Namen verwenden können. Sie haben sich dabei in ein sicheres »wir« zurückgezogen. Von dort aus werfen sie ihre Worte in die Welt und fangen sie ein. Vielleicht schauen sie gerade woanders hin, wenn sie das tun.

Ich war in einem Labor, in dem Martina Ruhsam ihre Forschung und Auseinandersetzung vorgestellt hat. Innerhalb diese Angebots konnten die beteiligten Künstlerinnen und Theoretikerinnen ihr Forschungsinteresse weiter untersuchen. Gemeinsam. Ich kann mich an keine Diskussionen oder Aktionen über REVOLUTIONEN oder TOTALE VERW/MISCHUNG UND UNKENNTLICHMACHUNG in diesem Labor erinnern. Ich kann mich an niemanden erinnern, der/die eine Revolution, eine GROSSE Revolution, mit einem Toaster machen wollte. Da ist wohl eine große Erwartung mit den Aphorismen durchgegangen. Oder sie haben sich nur auf eine Gelegenheit gefreut, uns zu verdeutlichen, dass das nicht so einfach ist, wie wir uns das als Performerinnen und Künstlerinnen immer vorstellen. Vielleicht war es auch nur eine gewisse nachträgliche rhetorische Spitzfindigkeit, um die eigene Sache besser auf den Punkt zu bringen.

(Die Sache mit der Toaster Revolution allerdings, wäre vielleicht einen Versuch wert. Man ja kann nie wissen. Alles sollte im Moment versucht werden um den Lauf der Dinge, – vor allem aber den der Menschen, bitte –  vom rechten Weg abzubringen.)

Abgesehen davon erinnere mich an Gespräche über soziale Konventionen und potentielle Auflösungen, Zersetzungen, Konsum, Kapital, Ambivalenz, Performanz in dem Labor. Ich erinnere mich an gemeinsames Lesen. Ich habe vielfältige Auseinandersetzungen erlebt. Denken, Sprechen, Agieren, Praktizieren. Lange Gespräche über Terminologien. Unterschiedliche performative Setzungen. Besprechungen, Befragungen. Denkversuche. Praktische Versuchsanordnungen.

Waren hier versteckte aphoristische Revolutionärinnen zugegen, die anderen diskursive Naivität zuschreiben, um dann elegant in distanziertem Schreiben mit Versalien und kursiven Zeichen die eigene Meinung kund zu tun?

Ein paar Worte noch zu der wiederholten und zu kurz gegriffenen aphoristischen Darstellung der Vorgangsweise von »Stoffwechsel – Ökologien der Zusammenarbeit«. Nämlich der praktizierten Interaktion, und der idealen Intraaktion, die im Juli irgendwie stattfinden wird oder soll.

Ich möchte hier ein weiteres Mal darauf hinweisen, dass es bei dem ganzen Projekt um Prozesse geht. Nicht um um Produkte, nicht Objekte, nicht Subjekte, nicht um vorab Definiertes; wohl aber um in Gang Gesetztes. Um Prozesse. Diese Prozesse waren und sind in Verbindung. Sie werden weiter in Verbindung treten. Durchdringungen, Beeinflussungen, Distanzierungen, Verwicklungen, Verschränkungen, Auslöschungen, Auflösungen, Verdichtungen finden statt. Durchgehend. Von unserem ersten Treffen an. Sprechen, Tun, miteinander Sein, abwesend Sein, Schreiben, Räume, Klänge, Lärm, Wege, Ausflüge, Ausflüchte, Besuche, Versuche. All das ist Stoffwechsel – Ökologien der Zusammenarbeit. Das ist die Idee des Projekts.

Es ist keine Kollaboration und keine Produktion. Wir, die dieses Projekt initiiert haben, suchen etwas dazwischen auf und arbeiten intensiv daran, nicht in die üblichen Produktionsbedingungen zu fallen. Dafür haben wir Menschen eingeladen, die wir nur sehr flüchtig kennen, deren Handeln und Agieren wir spannend finden.

Wahrscheinlich – hier ein Versuch, mit Aphorismen zu sprechen – sind wir Fremde. Eine unwahrscheinliche Gemeinschaft. Eine herausgeforderte Gemeinschaft. Vielleicht sind wir uns so fremd, dass wir uns selbst und die anderen nicht wahrnehmen. Vielleicht ist es schwieriger, Fragen zu stellen, als sich kritisch zu positionieren. Vielleicht will man/frau mit seinem/ihrem Wissen die Welt umarmen als eine Form der Teilhabe. Und so weiter.

Vielleicht ist die Gegenständlichkeit der Kunst eine einzigartige Chance. Und Schreiben dadurch unverständlich. Sich verselbstständigend.

(Sabina Holzer, 4. Mai 2016)

 

Laut Wikipedia ist ein Aphorismus (allgemein gesprochen) »ein einzelner Gedanke, ein Urteil, oder eine Lebensweisheit, welche aus nur einem Satz oder wenigen Sätzen selbständig bestehen kann. Oft formuliert er eine besondere Einsicht rhetorisch kunstreich als allgemeinen Sinnspruch (Sentenz, Maxime, Aperçu, Bonmot).«